Tiroler Tageszeitung “Leitartikel” am 26.3.18 von Max Strozzi “Kehrseiten einer Wohlstandsbranche”

Innsbruck (OTS) Der Tourismus fordert viel und erhält einiges. Dafür muss sich die Branche aber auch der Kollateralschäden annehmen:
Verkehr, Jobbedingungen, Umwelt. Denn der Tourismus büßt an Verständnis und bei Mitarbeitern an Attraktivität ein.

Der Tourismus ist eine Branche, die viel für sich einfordert und dies auch laufend kundtut. Vor allem in Tirol. Unter dem „Wir-sorgen-für-Jobs-und-Wohlstand“-Mantra stehen Skigebietszusammenschlüsse, seichtere Umweltauflagen, Steuersenkungen, Lockerungen für Drittstaatler oder Arbeitszeitflexibilisierung auf dem Wunschzettel. Schließlich würden jährlich hohe Millionensummen investiert in Hotels, Lifte, Beschneiung. Das Bild einer Win-win-Situation für alle, eines idealen regionalen Wirtschaftskreislaufs. Wer vor Kollateralschäden warnt, wird rasch als grundsätzlich wirtschaftsfeindlich abgestempelt.
Nun ist ein Teil der Argumente der Touristiker auch richtig und nachvollziehbar. Nur sind Jobs und Wohlstand in diesem Fall ein zweischneidiges Schwert. Immer mehr Menschen wollen laut einer Studie in dem touristischen Kosmos offenbar nicht mehr arbeiten. Die Lehrlingszahlen brechen ein, die Verweildauer im Job ist gering, die Absprungrate hoch. Mitarbeitern wird ja auch einiges abverlangt: von Stressresistenz über lange Arbeitszeiten bis zum Passivrauchen. Dies stets gut gelaunt, selbst wenn man innerlich kocht. Etwa beim Blick auf den Lohnzettel, wie die Gewerkschaft moniert. Freies Logis mag für manche verlockend sein, andere können davon die Miete auch nicht zahlen. Auch mit Beziehung und Familie ist es oft nichts, außer man liebt einen Kollegen aus Küche oder Service. Tirols Tourismus muss bis 2023 rund 6600 Jobs besetzen und dürfte sich dabei schwertun. Wer aber Arbeitszeiten von bis zu 12 Stunden bei kürzeren Ruhepausen fordert, darf sich nicht wundern, dass er in einer Hochkonjunktur kaum jemanden findet, wenn die Gage nicht stimmt. Entsprechend ist fast jeder zweite Tourismusjob nicht von Österreichern besetzt.
Aus dem Nein zu Olympia hat die Branche abgeleitet, dass die Tourismusgesinnung gesunken sei. Tirol bekommt zunehmend die Kehrseite der Job- und Wohlstandsbranche zu spüren. 2017 kamen fast 40 Prozent mehr Urlauber ins Land als vor zehn Jahren. Entsprechend sind an Wochenenden viele Tiroler massiv eingeschränkt: Auf den Straßen im Außerfern, im Zillertal, rund um Kufstein und Kitzbühel oder auf der Autobahn geht nichts mehr, die Schadstoffe steigen. Noch dazu heizen Investorenmodelle und Co. die Immobilienpreise an.
Die Branche hat viel erhalten. Das Lokal-Rauchverbot wird gekippt, Personal kann ans AMS ausgelagert werden, die Umsatzsteuer auf Nächtigungen wurde wieder reduziert, auch Skigebietsfusionen sind möglich. Es liegt nun an der Branche, sich der Kollateralschäden anzunehmen. Dann wird’s was mit der Gesinnung.

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