Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 26. Oktober 2018. Von ALOIS VAHRNER. “Vielgerühmtes Österreich?”.

Innsbruck (OTS) Feste, Tag der offenen Tür bei Bund und Ländern, Politiker-Ansprachen, Heeres-Leistungsschau: Der heutige Nationalfeiertag sollte auch zum Nachdenken in eigener Sache genutzt werden.

Heute begeht Österreich den Nationalfeiertag zum 54. Mal in seiner heutigen Form. Gefeiert wird er seit 1965, arbeitsfrei ist er seit 1967. Anlass war das am 26. Oktober 1955 (tags zuvor soll der letzte Besatzungssoldat das Land verlassen haben) in Kraft getretene Bundesverfassungsgesetz über die immerwährende Neutralität. Österreich hat sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges ausgezeichnet entwickelt und zählt seit Längerem zu den reichsten, lebenswertesten und sichersten Ländern der Welt – auch heute noch. Tu, felix Austria: Österreich verkauft sich im Ausland tourismus- und imagefördernd gerne mit Walzerseligkeit, Mozartkugeln, Lipizzanern, Wiener Sängerknaben und heiler Bergwelt. Der Patriotismus der Bevölkerung selbst ist (nicht nur im Sport) mitunter erheblichen Schwankungen unterworfen.
Weit mehr als die Hälfte des Wohlstands wird über Exporte und Tourismus aus dem Ausland erwirtschaftet. Offene (Handels-)Grenzen sind unabdingbar, die EU unser Garant dafür. Politisch hat sich Österreich einst zu immerwährender Neutralität verpflichtet. Eine Rolle, die zunächst während des Kalten Krieges gut und danach wie etwa beim Iran-Atomdeal auch teils gelang. In der Russland-Frage gilt Österreich heute manchen schon mehr als Verbündeter denn als bloßer Brückenbauer. Teilweise diente die Neutralität auch dazu, sich nicht exponieren zu müssen. Die UNO-Mission am Golan überließ man anderen, das Bundesheer blieb immer ein Stiefkind. Aber auch bei einer so neutralen Frage wie der Entwicklungshilfe ist das neutrale Österreich, das bei der Einwanderung den Kurs massiv verschärft hat, alles andere als ein Vorbild. Vielgerühmtes Österreich? Es gibt in etlichen Bereichen noch einiges an Luft nach oben.

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