TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Freitag, 20. Dezember 2019, von Anita Heubacher: „Hans-Jürgen wird der Rucksack getragen“

Innsbruck (OTS) Die Fronten zwischen Touristikern und Umweltschützern sind verhärtet. Debatten werden hochemotional geführt. Das zeigt die Kluft zwischen Städtern und Talbewohnern. Der Berg ist einmal Ausflugsziel und einmal Lebensgrundlage.

Es geht eigentlich gar nicht darum, ob es sich beim Vorstoß der Pitztaler Touristiker um ein Revanchefoul handelt oder nicht. Sondern darum, dass im Tourismus gar nichts mehr ohne Emotio­n diskutiert werden kann.
Der Vorstoß, der Alpenverein möge für Übernachtungen in seinen Schutzhütten Kurtaxe bezahlen, und die damit verbundene Aufregung ist ein weiteres Indiz dafür, wie verhärtet die Fronten zwischen Touristikern und Umweltschützern sind. Obwohl bereits diese Trennlinie eine unzulässige ist, weil sie die Schwarz-Weiß-Malerei unterstreicht und andeutet, dass Touristiker gar nie Umweltschützer sein könnten. In Tirol ist in den letzten Jahren verabsäumt worden, darüber zu diskutieren, wie wir uns Tourismus vorstellen, wo Erweiterungen und Ausbau sinnvoll sind und wo eben nicht. Weil keine Leitplanken aufgestellt wurden, sind die ventilierten Wünsche vielfältig und nähren die Ansicht, dass Tirols Touristiker schier unersättlich seien.
Im Hintergrund schwelt der Konflikt zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung. Für die einen ist der Berg Ausflugsziel, für die anderen Lebensgrundlage. Aus beiden Motiven heraus dürfte die Bergwelt wohl als schützenswert erachtet werden. Zugestanden wird das aber eher den Städtern, den Bergfexen, die bei Skitouren, mit der kernigen Jause ausgestattet, zu den entlegensten Berghütten aufsteigen. Das war einmal. Aus dem Skitourengehen ist ein Massenphänomen geworden. Das erkennt man an den Parkplätzen der Bergbahnen, die voll sind, auch wenn die Lifte noch nicht in Betrieb sind.
Das bringt die nächste Konfliktlinie, nämlich die um die Nutzung der Infrastruktur. Lift darf es keinen neuen geben, aber auf der präparierten Skipiste geht man dann doch gerne hoch? Was das Skitourengehen im Winter, ist das Weitwandern im Sommer. Wer schon einmal auf einer Hütte an einer auch von Berg­vereinen gut vermarkteten Weitwanderroute genächtigt hat, bekommt einen Eindruck von Massentourismus. Während Sie im Speisesaal übernachten, weil die Kapazitätsgrenze überschritten wurde, wird Hans-Jürgen der schwere Rucksack nachgetragen. Bergfex einmal anders.
Es ist also höchst an der Zeit, Dinge zu diskutieren. Inhaltlich und möglichst ohne Emotion. Wer dieses Kunststück schaffen soll, ohne dass der politische Wille da ist, Grenzen und Ausbaumöglichkeiten für den Tourismus festzulegen, bleibt dahingestellt.

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